Seminarbericht
Anlässlich des Internationalen Jahres der Quantenwissenschaft und -technologie 2025 fand vom 4. bis 7. November im Wissenschaftsforum Berlin ein Symposium zur Geschichte der Quantenphysik statt. Die Veranstaltung brachte rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Physik, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie zusammen – darunter auch die Experimentalphysiker Markus Aspelmeyer (Wien) und Klaus von Klitzing (Stuttgart).
Das Symposium verfolgte ein ambitioniertes Ziel: die Ergebnisse mehrerer Jahrzehnte historischer Forschung zu einer neuen Gesamtdarstellung der Quantengeschichte zu verdichten. Anders als herkömmliche Darstellungen, die oft bei der Kopenhagener Deutung enden, nahm die Veranstaltung die gesamte Entwicklung einschließlich der „Zweiten Quantenrevolution“ in den Blick – jener Entwicklung, die von den „Quantendissidenten“ um David Bohm und John Bell angestoßen wurde und heute die Grundlage der Quantentechnologie bildet.
Besonders fruchtbar erwies sich der Dialog zwischen Historikern und aktiven Physikern. Die Sitzung zur Interpretation der Quantenmechanik machte deutlich, wie eng die Geschichte dieser einst marginalisierten Dissidenten mit aktuellen Forschungsfragen zusammenhängt. Die Ironie, dass gerade jene Fragen, die lange als philosophische Spitzfindigkeiten galten, heute im Zentrum technologischer Anwendungen wie dem Quantencomputing und der Quantenkryptographie stehen, zog sich als roter Faden durch die Diskussionen.
Ein methodisches Novum war der Einsatz von „QuHiRa", einem am MPI für Geoanthropologie entwickelten KI-Forschungsassistenten. Das auf dem RAG-Prinzip (Retrieval-Augmented Generation) basierende System durchsucht einen kuratierten Korpus relevanter Literatur zur Geschichte der Quantenphysik und unterstützt so die Synthese der umfangreichen Forschungsergebnisse. Die Ergebnisse der Tagung sollen in ein Synthesebuch einfließen, dessen Entstehung durch QuHiRa begleitet wird – ein Modell dafür, wie KI-Werkzeuge von experimenteller Spielerei zu verlässlicher Forschungsinfrastruktur werden können.
Das Symposium machte deutlich: Die Geschichte der Quantenphysik ist keine abgeschlossene Erfolgsgeschichte, sondern ein fortlaufender Prozess, in dem grundlegende Fragen immer wieder neu verhandelt werden. Wir danken der Wilhelm und Else Heraeus Stiftung herzlich für die großzügige Finanzierung und organisatorische Unterstützung dieser Veranstaltung.
Dr. Alexander Blum, LMU München
Dr. Jochen Büttner, Dr. Núria Muñoz, Prof. Dr. Jürgen Renn, MPI für Geoanthropologie Jena
Prof. Dr. Michel Janssen, U of Minnesota, Minnesota, USA