Seminarbericht
Vom 3. bis 6. Mai 2026 trafen sich 76 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 13 Ländern im Physikzentrum Bad Honnef zu diesem-Seminar mit dem Ziel, die thermodynamischen Schlüsselgrößen elektrochemischer Grenzflächen – differenzielle Kapazität, Bildungsentropie und Oberflächenspannung – aus experimenteller, theoretischer und methodischer Sicht neu zu bewerten. Motiviert wurde dies durch die anhaltende Diskrepanz zwischen Messungen und Modellen an festen Elektroden, sinnbildlich erkennbar an den seit Langem berichteten Anomalien für Pt(111) in wässriger Lösung.
Eine zentrale Frage lautete, warum sich das für flüssiges Quecksilber etablierte Gouy-Chapman-Stern-Grahame-Modell nicht unmittelbar auf Fest/Flüssig-Systeme übertragen lässt. In Einführungsvorträgen, eingeladenen und beigetragenen Vorträgen sowie Postersitzungen wurden Impedanzspektroskopie, AC-Voltammetrie, laserinduzierter Temperatursprung, Mikrokalorimetrie, Cantilever-Verbiegung und Dilatometrie klassischen und modernen Modellierungsansätzen gegenübergestellt. Besonders lebhaft diskutiert wurden ungewöhnlich hohe Kapazitäten, anomale Parsons-Zobel-Steigungen an Übergangsmetallen sowie Kationen- und Anioneneffekte auf die elektrokatalytische Aktivität. Die Intensität des Austauschs zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Postersitzung bis spät in die Nacht dauerte.
Darüber hinaus empfahl eine Podiumsdiskussion zur Ausbildung und Betreuung in der Elektrochemie, die klassische Grenzflächenthermodynamik wieder stärker in der Lehre zu verankern. Aus dem Seminar geht ein gemeinschaftlich verfasster Perspektivenartikel hervor, der als Referenztext zur Messung und Interpretation dieser Grundgrößen dienen soll.
Die Organisatoren danken der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung herzlich für die großzügige Unterstützung.
JProf. Dr. Jun Huang, FZ Jülich
Prof. Dr. Aliaksandr Bandarenka, TU München
Dr. Kathleen Schwarz, NIST Gaithersburg, USA